sozlog.de

„Wirtschaftssoziologie 2.0“ und die institutionelle Einbettung von Märkten I

menschen gesellschaft finanzen

Nach der Teilnahme bei der vom MPIfG und der DGS-Sektion Wirtschaftssoziologie ausgerichteten Konferenz „Die institutionelle Einbettung von Märkten“ in Köln ist mein Eindruck, dass es nicht verkehrt ist, in Analogie zur gegenwärtigen Entwicklung im Internet von „Wirtschaftssoziologie 2.0“ zu sprechen:

  1. „Wirtschaftssoziologie 2.0“ deshalb, weil, wie Jens Beckert am Beginn der Konferenz darlegte, die Gründer und Klassiker der soziologischen Disziplin (z.B. Emile Durkheim, Max Weber und der frühe Talcott Parsons) rege Wirtschaftssoziologie betrieben und eine lebhafte Auseinandersetzung mit der Ökonomie gesucht haben, diese Auseinandersetzung aber jahrzehntelang mit dem an einer forschungspragmatischen wissenschaftlichen Arbeitsteilung orientierten “Parsons-Pakt” zum Erliegen gekommen war. Jahrzehntelang hatten Soziologie und Ökonomie weitgehend „nebeneinander her“ geforscht und einander kaum zur Kenntnis genommen. Erst seit den 1980er Jahren – hier erst seit wenigen Jahren – lebt die Auseinandersetzung von Soziologie und Ökonomie erneut auf. In den letzten Jahren ist eine beeindruckende Fülle neuer wirtschaftssoziologischer Arbeiten erschienen. Auch der Zusammenbruch sozialistischer Gesellschaftsregimes und die Gegenwartsdiagnose dass wir in einer durch Märkte bestimmten Gesellschaft leben, dürfte das Interesse an einer Soziologie der Märkte beflügelt haben.
  2. „Wirtschaftssoziologie 2.0“ auch, weil – vielleicht typisch deutsch ;-) – die Entwicklung der neuen Wirtschaftssoziologie in Deutschland etwas später einsetzt als in Nordamerika und Frankreich, dafür jetzt eine Vielzahl von Themen präsentiert und Impulse aus dem Ausland aufgegriffen und verarbeitet werden können. Gegenstand der Konferenz war die Frage nach den Ordnungsstrukturen von Märkten, die einen Markttausch erst ermöglichen und in engem Bezug zu Koordinationsproblemen zwischen dem am Markt beteiligten Akteuren stehen. Das Spektrum der Vorträge auf der Konferenz umfasste (1) Die Konsitution von Märkten (2) Konsummärkte, (3) Finanzmärkte, (5) Arbeitsmärkte (mit Bezug auf Sozialstaat) (5) theoriegeleitete Arbeiten zur Konzeption einer Markt- bzw. Märkte-Soziologie.
  3. „Wirtschaftssoziologie 2.0“ schließlich, weil die Wirtschaftssoziologie derzeit für junge Leute und Nachwuchswissenschaftler attraktiv ist und weil ich bisher noch nie zuvor bei einer Konferenz eine vergleichbare Aufbruchstimmung erlebt habe.

Deshalb folgen demnächst noch ein paar inhaltliche Einträge, bei denen ich eine kurze Übersicht über die präsentierten Papiere gebe und ein paar Fragen und Aspekte diskutiere. Aufgrund des Tatbestandes, dass Märkte integraler Bestandteil des sozialen Lebens sind, durch Märkte alle Menschen betroffen sind, viele Menschen Märkte als ihr „Schicksal“ auffassen und immer mehr Lebensbereiche kommodifiziert sind, hätte man auf ein erhebliches Medieninteresse an einer Konferenz zum Thema “Märkte” hoffen dürfen. Nach meinem derzeitigen Kenntnisstand haben die Medienanstalten keinen Bericht zum Thema gemacht – schade für die Medien.